Zwei Persönlichkeiten, zwei Wege zur Sicherheit
Die Übergabe der Geschäftsführung bedeutet mehr als Verantwortung weitergeben. Sie vereint verschiedene Erfahrungen und Denkweisen. Gerade wenn beide Seiten das Unternehmen voranbringen wollen, entstehen leicht Missverständnisse. So sieht ein typisches Beispiel aus der Praxis aus.
Hans W., 68 Jahre, gründete vor mehr als 40 Jahren sein Unternehmen – in einer Zeit, als noch Schreibmaschinen klapperten. Er führte Fax, PC, Netzwerke, CAD-Systeme und zuletzt die E-Rechnung ein. Er war Veränderungen gegenüber immer offen. Sein Ziel war stets dasselbe: ein modernes und wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen.
Über Jahrzehnte entwickelte Hans ein feines Gespür für Chancen und Risiken. Seine Sicherheit entstand aus Erfahrung. Sein Bauchgefühl war kein Zufall, sondern die Summe tausender Entscheidungen.
Nun übernimmt Thomas K., 47 Jahre, die Geschäftsführung. Er bringt alles mit, was moderne Unternehmensführung auszeichnet: BWL-Studium, Auslandssemester, Stationen in innovativen Unternehmen, Erfahrung im Change Management sowie mit agilen Methoden und Design Thinking. Auch er möchte das Unternehmen erfolgreich weiterentwickeln. Seine Sicherheit gewinnt er jedoch auf einem anderen Weg: durch Analysen, strukturierte Prozesse und moderne Methoden.
Wenn gute Absichten nicht vor Konflikten schützen
Eigentlich vertrauen sich beide. Und trotzdem wird jede zweite Besprechung anstrengend.
Hans spürt, dass ihm manche Entscheidungen zu schnell gehen. Nicht, weil er Veränderungen ablehnt. Sondern weil ihm das vertraute Gefühl von Sicherheit fehlt.
Thomas wiederum versteht nicht, warum so viel diskutiert werden muss. Für ihn wirken viele Einwände wie unnötige Bremsmanöver. Das kostet Kraft. Das Sprichwort „Neue Besen kehren gut“ schwingt unausgesprochen mit und wird von beiden als Vorwurf verstanden.Dabei wollen beide dasselbe: das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen.
Die entscheidende Frage: Was braucht der andere?
Der Unterschied liegt nicht im Ziel, sondern in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden.
- Hans hat über Jahrzehnte gelernt, Situationen schnell einzuordnen. Seine Entscheidungen basieren auf vielen Erfahrungen, auf erkannten Mustern und einem gewachsenen Gespür für Chancen und Risiken.
- Thomas nähert sich Entscheidungen anders. Er nutzt Methoden, Analysen und den Austausch mit Beteiligten, um Zusammenhänge zu verstehen und Veränderungen strukturiert voranzubringen.
Beide Wege geben Orientierung und Sicherheit – nur aus unterschiedlichen Quellen. Es geht deshalb nicht darum, wer recht hat, wer mehr Erfahrung mitbringt oder welches Wissen wertvoller ist.
Die entscheidende Frage lautet:
Was braucht mein Gegenüber, um eine Entscheidung mit Überzeugung und Sicherheit treffen zu können?
Was würde passieren, wenn Thomas fragte: „Hans, woran erkennst du, dass eine Entscheidung für dich richtig und sicher ist?“ Und wenn Hans zurückfragte: „Thomas, welche Erfahrungen geben dir die Sicherheit, diesen Weg zu gehen?“
Dann entsteht Verständnis statt Bewertung. Der Fokus verschiebt sich von der eigenen Position auf die Beweggründe des anderen.
Die Bibel erinnert uns daran:
„Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn.“ (Jakobus 1,19)
Gerade in der Unternehmensnachfolge ist das ein überraschend praktischer Rat. Geduld bedeutet nicht Stillstand. Zuhören ist kein Zeitverlust. Wer aufrichtig nach den Beweggründen des anderen fragt, baut Vertrauen auf. Denn Konflikte entstehen meist nicht aus bösem Willen, sondern aus unterschiedlichen Erfahrungen – und unterschiedlichen Quellen von Sicherheit.
Der wirksamste Schritt zur Vermeidung von Konflikten ist nicht das bessere Argument, sondern die nächste ehrliche Frage.
Gute Gespräche wünscht Ihnen
Silke Heuwerth
Foto AI generiert
Mein Beitrag erschien zuerst im KCF-Newsletter vom 26.08.2026 – Abo KCF-Newsletter https://www.kcf.de/newsletter/
Stellschrauben, auf die es ankommt:
- Zeigen Sie echtes Interesse an Ihrem Gegenüber.
- Hören Sie aktiv und aufmerksam zu.
- Stellen Sie gezielte Fragen, um mehr zu erfahren.
- Versetzen Sie sich in die Perspektive des anderen.
- Erkennen Sie auch verborgene Bedürfnisse, etwa nach Sicherheit.
- Verbinden Sie Ihre eigenen Interessen sinnvoll mit denen Ihres Gesprächspartners.
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